arte Freitag 18.10.2013

Gemachte Armut - ARTE Themenabend

Ein Dokumentarfilm über Kinderarmut in Europa


Nominierung für Grimme Preis und deutsch-franz. Journalistenpreis 2013

Ein Film von Lourdes Picareta.

Schnitt: Karl-Heinz Satzger

Der Film widmet sich der allgemeinen Verelendung der Massen vor unserer eigenen Haustür, in Barcelona, Marseille und Dortmund. Danach fühlt man sich wie nach der Lektüre eines Artikels in "Le Monde diplomatique" - schlecht, mit leichter Tendenz zur Verzweiflung.

Dabei liegen die Karten seit Jahren offen auf dem Tisch. Der im Namen einer nebulösen Wettbewerbsfähigkeit in die Wege geleitete soziale Kahlschlag beispielsweise in Deutschland zeigt erste Effekte. Die Wirtschaft tut das, was man gerne "brummen" nennt, mit einem Bruttoinlandsprodukt von 2,6 Billionen Euro ist das Land eine der größten Volkswirtschaften der Welt, die mit Abstand größte in Europa allemal. So reich ist unser Land, dass es sich sogar etwas so Unbezahlbares wie die Armut leistet. Nirgendwo in Europa - ausgenommen in Rumänien und Bulgarien - ist die Armut zuletzt schneller gewachsen. Fast drei Millionen Kinder leben unter der Armutsgrenze; per definitionem gilt als arm, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens zur Verfügung hat.

Die Familie als "Matratze", die den Sturz abfedert

In Dortmund, als dystopischer Alptraum in Szene gesetzt, lebt sogar jedes vierte Kind in Armut. Drei dieser Kinder kommen zur Sprache und erzählen davon, wie sich das auswirkt, erzählen von Mobbing in der Schule, weil die richtigen Kleider schon auf dem Schulhof Leute machen - oder eben nicht. Zur sozialen Ausgrenzung gesellt sich die Tatsache, von Reisen oder kultureller Teilhabe ausgeschlossen zu sein. Es ist einfach kein Geld da. Und wenn man sieht, wie sehr die bürokratische Pedanterie von Hartz IV die Bedürftigen in Anspruch nimmt, dämmert, wieso immer mehr Kinder "Hartz IV" für eine Art Beruf halten. In den Blick kommt auch die Klippe, über die diese Kinder eines Tages stürzen werden: Weil die kleine Michelle auf der Gesamtschule bis zur achten Klasse nicht sitzenbleiben kann, bezahlt "das Amt" keine Nachhilfe.

Viele Familien sind spätestens am Monatsende auf "die Tafel" angewiesen, Suppenküchen an der Schnittstelle von Überfluss und Armut. Hier verklappt das System seine ausgemusterte Ware, und hier "jobben" die Betroffenen auf Ein-Euro-Basis. Die Agenda 2010 hat die Zahl dieser Tafeln verdreifachen lassen, inzwischen gibt es in Deutschland 2000 Ausgabestellen für eine Millionen Menschen. Neben den Schicksalen und den Zahlen tauchen immer wieder Soziologen und Politikwissenschaftler auf, wie Michael Hartmann oder Christoph Butterwegge, die erklären, woher diese Armut rührt. Hartz IV, Deregulierung des Arbeitsmarkts, Liberalisierung des Finanzmarkts. Der Druck auf "die da unten" wurde erhöht, der Spielraum für "die da oben" erweitert. Es wurde der Spitzensteuersatz gesenkt, desgleichen die Unternehmensteuer, es wurde die Abgeltungsteuer eingeführt und die Erbschaftsteuer für Firmenerben "faktisch abgeschafft", damit der Reichtum sich vererbe und nicht verteile. Die wenigsten Menschen seien durch eigene Schuld in Not
geraten, so Butterwegge, sondern durch soziale Verwerfungen, auf die sie keinen Einfluss hätten.

Gezeigt wird auch die europaweite Verbreitung des Problems. Etwa in Spanien, das nie einen Wohlfahrtsstaat nach dem Vorbild der Bundesrepublik oder der skandinavischen Länder kannte und seit der Immobilienkrise zusehends verelendet. Pro Jahr wurden hier mehr Häuser gebaut als in der übrigen EU zusammen, und als die Blase platzte, wurden die Banken gerettet - mit Geld, das aus den gestoppten Sozialprogrammen abgezweigt wurde. Die Familie gilt hier als "Matratze", die den Absturz abfedert, fast 400.000 Familien leben von den Renten der Großeltern - so war der "Generationenvertrag" eigentlich nicht gedacht. Die Kinderarmut ist - schon wieder! - nur in Bulgarien und Rumänien größer als in Spanien.

Ist wirklich alles "alternativlos"?

Die Verwerfungen in Europa werden deutlich, wenn die neunjährige Guarance aus Marseille auf dem Balkon steht und den Blick über die verrottenden Wohntürme schweifen lässt. Erbaut wurden die "cités" in den "30 glücklichen Jahren" der Stadt, in Plattenbauweise und für Arbeiter. Heute sind es, wie überall, nurmehr Schließfächer des Elends. Irgendwann sagt Guarance über ihre Nachbarschaft mit kindlichem Rassismus: "Die meisten kommen aus Algerien oder von den Komoren. Wenn du hier die einzige kleine Französin bist, fragst du dich: Wo bin ich denn gelandet? Und warum bin ich die einzige?" Sie ist bei den Schwächsten gelandet und wird nicht die einzige bleiben, wie es aussieht.

Gestreift wird auch das versagende Bildungssystem. Der Weg aus der Armutsfalle ist nicht nur steinig und steil, er ist geradezu verbarrikadiert. In Deutschland wie in Frankreich starten jährlich 150.000 Jugendliche ohne Ausbildung und damit auch ohne Aussichten in einen Arbeitsmarkt, der auch auf "gelernte Fachkräfte" immer häufiger verzichten kann. Die daraus resultierende Gewalt ließ sich bereits in den Vororten von Paris beobachten, und der Film lässt keinen Zweifel daran, dass das nur ein kleiner Vorgeschmack war. Europa verspielt mit der Zukunft seiner Kinder auch seine eigene Zukunft, so das Fazit.

Butterwegge nennt dies "ein Konzept", es sei "kein politischer Betriebsunfall". Offen lässt der Film leider, wo genau da das Konzept ist und welche Überlegungen zu diesen verheerenden Maßnahmen geführt haben. Es wird viel Schuld zugewiesen, dem Finanzsystem, der Sozialdemokratie, dem Kapitalismus eben - ohne dass jene, die diese Armut "gemacht" haben, zu Wort kämen und versuchen würden, ihr Handeln zu rechtfertigen. Ist wirklich alles "alternativlos"? Wo beispielsweise stünde Deutschland heute, hätte es die Agenda 2010 nie gegeben? Was wären die Alternativen gewesen? Darüber hätte man gerne mehr erfahren, gerne auch von einem kaltblütigen Schurken in Nadelstreifen.

Was sind nun die Auswege? Zart angedeutet wird immerhin die vage Notwendigkeit einer zukünftig "besseren Verteilung" des Reichtums - ebenso gut könnte man fordern, Wasser möge doch bitte bergauf fließen. Was also bleibt, ist eine deprimierende Erkenntnis ohne Neuigkeitswert: Geld regiert die Welt. Offensichtlich regiert es sie nicht gut.

Kritik Spiegel Online

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